Aller guten Dinge sind …

Anfang Juni weckt uns morgens Hafenhektik, ab sofort sind Ausfahrten mit maximal 2 Personen aus gleichem Hausstand bis zu einer Entfernung von 12 Seemeilen über Tag erlaubt. Wie auf einer Perlenschnur verlassen große und vor allem auch kleine Schiffe den Hafen. Nach Wochen der totalen Stille sind dies im Hafen ungewohnte Bilder und Geräusche. Auch für uns hat sich somit das Tor zur Freiheit wieder ein kleines Stück geöffnet und nach acht Monaten „Boxenleben“ passieren wir das Hafenfeuer der Außenmole, blinzeln aufs offene Meer und inhalieren die frische Meeresbrise. Die Segel werden gesetzt und sichtlich erleichtert nimmt unsere SOLUNA Fahrt auf und legt sich im tiefblauen Meer sanft auf die Seite. Für uns beide ein ergreifender Moment. Wenig später verabreden wir uns mit einer Schweizer Yacht für ein gegenseitiges „Fotoshooting“ unter Segeln.

Auch an Land werden die Auflagen gelockert. Ab dem 1. Juli dürfen wir uns in Katalonien frei bewegen und so machen wir mit dem Auto einen tollen Tagesausflug längs der Küste nach Tarragona. Ganz mutig leisten wir uns nach Monaten mal wieder ein Eis und durchforsten mit Schutzmaske bewaffnet die herrliche Altstadt.

Als dann relativ schnell eine Woche später die Grenzen wieder komplett geöffnet werden, bereiten auch wir unseren Aufbruch auf die Balearen vor. Aber wieder einmal kommt es für uns ganz anders als geplant und unsere Geduld wird vor eine große Belastungsprobe gestellt werden.

Wir erledigen den letzten großen Provianteinkauf bei Aldi, bereiten alles vor, nehmen Abschied von den Nachbarn, tanken noch 500 Liter Diesel an der Schiffstankstelle und verlassen bei günstigen Windprognosen für Mallorca den Hafen. Der Meeresgott erhält den obligatorischen kräftigen Schluck Alkohol und gutgelaunt wird der Kurs auf die Nordostecke Mallorcas abgesetzt. Die Anspannung der letzten Tage fällt ab und der Wind schiebt uns Richtung Balearen.

Plötzlich zerreißt ein schriller Alarm die Stille – Ausfall des Autopiloten, unserer Selbststeueranlage. Alle Versuche mit Hilfe telefonischer Beratung von Technikern in Deutschland das Problem irgendwie auf See lösen zu können schlagen fehl und so drehen wir um und steuern zähneknirschend unter Handruder zurück in unseren Hafen wo uns verdutzte Gesichter empfangen.

Die nächsten drei Wochen vergehen mit Telefonaten, Warten auf Ersatzteile, Einbauarbeiten und Testfahrten. Auch der zweite große Aufbruch geht daneben und so entschließen wir uns schließlich entnervt den gesamten Autopiloten zu erneuern. Die Wartezeit auf den neuen Rechner und die hydraulische Steuereinheit überbrücken wir mal wieder mit Arbeiten an- und unter Deck:

Überholung der Mastfurling

Aller guten Dinge sind drei und wir wagen einen dritten Aufbruch mit unserem neu installierten Autopiloten. Diesmal fällt jeglicher Abschied aus und so verlassen wir fast unbemerkt am 28. Juli frühmorgens unauffällig den Hafen. Die ersten Stunden ist unser Gehör hochsensibel und – der schreckliche Alarm bleibt tatsächlich aus. Wir gewinnen von Stunde zu Stunde wieder Vertrauen in die neue Anlage. Wir sind sehr stolz das gesamte System ohne eingeflogene Monteure eingebaut – und neu programmiert zu haben.

Nun ist es endlich wieder da, dies herrliche Gefühl der totalen Freiheit von dem wir in den Tagen des Lockdowns beim Glas Wein geträumt hatten. Schnell stellt sich wieder Bordalltag ein, die Sonne verschwindet glutrot hinter dem Horizont und die Dämmerung bricht herein. Es wird alles für die Nachtfahrt gerichtet, Schwimmwesten werden angelegt, die nautischen Anzeigen gedimmt, Taschenlampe und Suchscheinwerfer bereitgelegt und belegte Brote für die Nacht vorbereitet. Die verschiedenen Wetterberichte versprechen einen nahezu konstanten Wind von der Seite, der dann im Laufe der Nacht mehr vorlicher kommen soll.

Tatsächlich ist der Wind mal wieder stärker und die Wellen höher. Normalerweise dauert die Überfahrt vom Festland ca. 24 Stunden. Wir sind zu schnell, denn wir wollen, wenn immer möglich, vermeiden im Dunkeln in einer unbekannten Bucht zu ankern. Vor uns zeichnen sich in dunkler Kulisse die Berge von Mallorca ab und der Seegang wird deutlich ungemütlicher. Wir wollen die Fahrt verlangsamen und zum ersten Mal drehen wir bei Starkwind und höher werdender Dünung bei. Beidrehen bedeutet, das Schiff bei Sturm so drehen, dass es mit dem Bug gegen den Wind liegt und kaum Fahrt macht. Mit backliegender Fock, entsprechendem Druck im Großsegel und richtig eingestellter Ruderlage liegt das Schiff trotz Wind und Welle völlig ruhig. So werden das Schiff und die Nerven der Besatzung geschont und wir warten in diesem Zustand fast zwei Stunden bis die Morgendämmerung einsetzt. Unsere ursprüngliche Idee an der Nordostküste anzulanden müssen wir bei stärker werdendem Wind und einer hohen Dünung aufgeben und rauschen nun bei 4 Meter hohen Wellen von achtern und fast 8 Beaufort Windstärke die raue und steile Nordküste entlang …

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