Nicht schon wieder…

Alexandro, der Angler der jeden Morgen direkt hinter SOLUNA seine komplette Angelausrüstung aufbaut, löst unsere letzte italienische Landverbindung und ruft uns auf Deutsch hinterher „Gute Reise … bis zum nächsten Jahr!“. Ein kurzes Winken und er muss sich wieder auf seine Fische konzentrieren. Heute herrscht hier im alten Stadthafen von Olbia Aufbruchsstimmung, denn das günstige Wetterfenster wollen alle Yachten nutzen. So verlassen auch wir bei strahlendem Sonnenschein unseren Liegeplatz, an dem wir uns sehr wohl gefühlt haben. 290 Seemeilen (ca. 540 km) liegen vor uns. Für Weltumsegler, die auf manchen Teilstrecken 7-8 Wochen nonstop unterwegs sind eine Kaffeefahrt – für uns sind voraussichtlich zwei Tage und zwei Nächte immer noch spannend. Wir umrunden unter vollen Segeln die wild zerklüfftete Nordspitze von Sardinien und  können das Abendessen sogar bei wenig Welle im Cockpit genießen.

 

Die Sonne beginnt glutrot hinter der Kimm zu versinken und plötzlich, wir springen auf – im gleißenden Sonnenlicht bekommen wir abendlichen Besuch! Ein Schwarm von auffallend großen Delphinen mit den typischen „Schnattergeräuschen“ lässt unser Essen (Rosmarinkartoffeln mit Gemüse aus dem Backofen) schnell kalt werden. In der untergehenden Sonne wirken ihre Körper wie geölt.

 

Die Sonne geht schnell unter und nun muss alles für die Nachtwache im Cockpit gerichtet werden. Die Thermoskanne mit heißem Tee bekommt diesmal keinen Schuss Rum dazu, denn auf See ist für uns Alkohol absolut tabu. Ferngläser und Taschenlampen werden bereitgelegt, warme Kleidung angezogen und die nautischen Instrumente in roter Hintergrundbeleuchtung für die Nacht gedimmt. Schwimmwesten sind für uns bei Dunkelheit auch bei ruhiger See im Cockpit Pflicht. Hinter uns verschwindet langsam das Leuchtfeuer von Punta dello Scorno. Während SOLUNA ruhig die Wellen schneidet, schläft Susanne unten im Salon. Martin übernimmt die erste Wache und es dauert nicht lange, da reißen die Wolken auf und der Vollmond beleuchtet glitzernd das dunkle Meer. Laut Wetterbericht sollten wir eigentlich einen Großteil der Strecke segeln können. Doch es kommt mal wieder anders, der Wind schläft ein und die Wellen von der Seite werden höher und höher. Die Segel werden eingerollt und 200 „Yanmar Pferde“ geweckt, die brummend ihren Dienst antreten. Bis Menorca erleben wir statt segeln bei leichten Winden und mäßigem Seegang eine aufgewühlte, kreuz und quer laufende See die ständig höher wird und so entwickelt sich ein Bordleben wie im Schleudergang einer Waschmaschine. Der Gang zur Toilette wird zum Abenteuer, das Duschen ist nur noch auf dem Boden sitzend möglich, Essen und Trinken zum Kunststück und so sind wir erleichtert als im Fernglas nach langer „Achterbahnfahrt“ endlich die Silhouette von Menorca zu erahnen ist.

 

Unser Ziel ist der Ankerplatz in der großen Bucht von Mahón, den wir im ersten Sommer 2017 kennengelernt hatten. Damals war die Bucht völlig „zugeparkt“. Bei hohem Seegang fahren wir um die Ecke, am Anker liegen nur zwei Yachten und innerhalb kürzester Zeit ist die See so ruhig wie auf einem Dorfteich. Es ist warm, die Sonne scheint und SOLUNA dümpelt ruhig am Anker.

Nachsaison im Oktober auf den Balearen – ein Traum – eigentlich hätte er auch wahr werden können. Wir liegen seit 3 Tagen in Mahón am Anker, da wird uns immer mehr klar, dass daraus nichts werden wird. Die Wetterberichte verschlechtern sich stündlich und bald wird es zur traurigen Gewissheit. Wie im letzten Herbst scheint sich auch dieses Jahr ein Hurrikane, ein sogenannter Medicane im westlichen Mittelmeer zu entwickeln und wird seinen Rüssel ausgerechnet über den Balearen kreisen lassen. Zwei Screenshots der Wetterprognosen zeigen die schlimmsten Befürchtungen.

 

Nicht schon wieder ein Hurrikane im Nacken, so unser erster Gedanke… wir beschließen schließlich schweren Herzens nach verschiedenen Diskussionen mit anderen Yachten vorzeitig unseren Winterhafen Port Ginesta bei Barcelona anzulaufen und uns dort hinter dicken Betonmauern und Wellenbrechern zu verkriechen. Vor einem Jahr hatten wir auch die richtige Entscheidung in Griechenland getroffen, indem wir dem Hurrikane Richtung Norden ausgewichen waren. Immer noch hat man die Bilder dieser ungeheuren Zerstörungskraft vor Augen, die großen Schaden anrichtete und manche Yacht zerstörte.

Die Wetterprognosen der nächsten fünf Tage sehen jedoch noch harmlos aus und so segeln wir unter unserem neuen Segel, dem Parasailor, längs der Nordküste von Menorca. Dieser Teil Menorcas ist selten zu befahren, da hier immer der von Norden kommende Mistral zur Gefahr werden kann.

 

Eine letzte Nacht in einer winzigen herrlichen Bucht mit kristallklarem Wasser,  Frühstück im Cockpit in freier Natur, ein letztes Morgenbad und dann übernimmt die Vernunft das Kommando und wir setzen morgens die Segel Richtung Barcelona. Diesmal werden wir mit idealen Winden und mäßigem Seegang belohnt. Unter Segeln erreichen wir nach 24 Stunden gegen 10 Uhr morgens die Hafeneinfahrt von Port Ginesta und werden von vielen alten Freunden begrüßt.

 

Am 2. Mai 2018 brachen wir von Port Ginesta auf und machen nach fast 4000 Seemeilen am 18. Oktober 2019 an fast demselben Liegeplatz wieder fest. Zwei Tage bleiben uns zum Einleben, dann bricht der angekündigte Sturm über unseren Hafen herein. Wie ein kurzes Video von einem benachbarten Schiff zeigt, war unsere Entscheidung den Balearentraum abzubrechen, genau richtig. Zwar entwickelt sich der vermutete Medicane nur zu einem sehr schweren Herbststurm, dennoch hält er uns zwei Tage und zwei Nächte in Atem…

 

3 Antworten auf “Nicht schon wieder…”

  1. Hallo Susanne, hallo Martin, vielen Dank für eure Info. das ist ja ein spannendes Leben, das ihr führt. Ich war diese Woche wieder in Berlin bei der Seeschifffahrtrs-Sicherheits-Konferenz im BMVI. Da dachte ich an letztes Jahr, wo ir uns getroffen haben. Ich wünsche euch eine schöne Zeit! Viele Grüße von der kühlen Nordsee! Rudi

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  2. Liebe Susanne, ich danke euch sehr für die vielen spannenden Berichte und wunderbaren Fotos. Hier am Bodensee ist es grau , nass und kalt. Genießt alles und ganz liebe Grüße Petra🙏👍🍀.

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