Glück im Unglück…

Kurs Süd, Richtung Nordsardinien … nach einem idealen Segeltag entscheiden wir uns für einen letzten nächtlichen Zwischenstopp vor Korsikas Südküste. Im Fernglas entdecken wir schnell eine passende Ankerbucht. Die Genua (unser größtes Vorsegel) und das Großsegel werden eingerollt. 200 Pferde im Maschinenraum werden geweckt. Vorwärtsgang mit dem markanten Klacken eingelegt und …. der Gashebel gehorcht nicht mehr. In der Abendsonne treiben wir langsam auf die Küste zu! Beim Blick in den Maschinenraum erkennen wir zunächst nichts Auffälliges. Schnell wird uns aber klar, dass der Bowdenzug für den Gashebel gerissen sein muss. Nach bangen Minuten gelingt es Susanne den Zug an der Hauptmaschine auszuhängen. Die folgenden Bilder werden bei unseren Lesern bestimmt ein Schmunzeln auslösen – im Notfall unter Zeitdruck, gelingt es uns mit drei Umlenkungen das Schiff vom Steuerstand aus wieder manövrieren zu können.

Kurze Zeit später fällt der Anker. Beim Ankerbier malen wir uns aus, wenn uns dies bei einem Hafenmanöver passiert wäre. Noch in der gleichen Nacht bauen wir unter yogaähnlichen Verrenkungen im Maschinenraum den Bowdenzug aus und können ihn somit, an Deck liegend, genau ausmessen. Eile ist geboten, denn unser angekündigter Besuch muss uns unbedingt dieses Ersatzteil per Flugzeug mitbringen. Bei der Sicherheitskontrolle haben die beiden „Kuriere“ jedoch etlichen Erklärungsbedarf, können dann aber schließlich mit einer glaubhaften Geschichte und weiblichem Charme in den Flieger steigen. Der Einbau ist dann eine Belohnung und nun „übermittelt“ ein Bowdenzug aus der Berufsschifffahrt der Maschine unsere Wünsche am Gashebel.

Sardinien, dreimal so groß wie Korsika und nach Sizilien die größte Insel im Mittelmeer, ist mit einer Küstenlänge einschließlich aller Buchten von ca. 1150 Seemeilen (2130 km) ein ideales Segelrevier, wobei die Westküste ähnlich wie Korsika ständig der Gefahr eines Mistralangriffs ausgesetzt ist und man mit diesem Risiko sehr vorsichtig umgehen sollte. Wir verbringen deshalb herrliche Wochen hautsächlich im nordöstlichen Teil der Insel und erleben unbeschwerte Tage in kleinen Buchten mit türkisblauem Wasser. Die Hängematte auf dem Vorschiff wird kaum mehr abgebaut …. offensichtlich ein Leben am Anker fernab der Alltagsprobleme…

Schwarze Wolken über uns, die ersten Blitze am Horizont, seit einer Stunde liegen wir am Anker, es wird immer dunkler und uns wird klar, dass eine riesige Gewitterzelle zumindest im Randbereich über uns hinwegziehen wird. Kein Entkommen wie auf hoher See mehr möglich – diesmal müssen wir es über uns ergehen lassen!

Grelle Blitze erhellen gespenstisch die einsetzende Abenddämmerung und prasselnder Regen mit heftigen Böen überfällt SOLUNA. Vorsichtshalber lassen wir die Hauptmaschine im Leerlauf mitlaufen, denn bei einem Blitzeinschlag wird auf Yachten oft der Anlasser zerstört und die Maschine kann dann nicht mehr gestartet werden. Soweit möglich werden die Sicherungen ausgeschaltet und wie im letzten Bericht erwähnt, wird unser Faradeyscher Käfig (Backofen) mit Handys und IPads befüllt. Wir verziehen uns unter Deck und berühren dort auch kein Metall mehr. Nun heißt es bei Taschenlampenlicht im Inneren zu warten und zu hoffen! Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall offensichtlich ganz in unserer Nähe und ein unmittelbar folgendes markerschütterndes Donnergrollen. Sofort denkt man an den Supergau im Seglerleben – ein Einschlag im 20 m hohen Mast. Nach weiteren 20 Minuten des Bangens wagen wir uns an Deck und schalten die immer noch laufende Hauptmaschine aus. Wir haben Glück im Unglück … testen sofort alle Geräte und stellen dabei fest, dass unser Windmessgerät nicht mehr die Stärke und Richtung anzeigt. Ein offensichtlicher Überspannungsschaden, der dann auch nach Besichtigung eines Gutachters von der Versicherung übernommen und repariert werden wird.

Tavolara liegt nur wenige Seemeilen östlich vor Olbia und war längere Zeit das kleinste Königreich Europas. 6 km lang, 1 km breit mit 20 Einwohnern. Ein einziger großer Fels, wie ein riesiges Hausdach, steil und schwer zu erklimmen, aber mit flach auslaufender Landzunge und weißem Sandstrand. Nachts vor dieser Kulisse zu ankern ist schon ein besonderes Erlebnis.

Ganz nah gegenüber lockt uns ein Kommentar in unserem Sardinienhandbuch in dem vom klarsten Wasser Sardiniens gesprochen wird. Hier kann man leider nur tagsüber ankern. Das Schiff scheint im Wasser zu schweben … das reizt Moritz, den Sohn von Susanne, selbst großer Regattasegler und tatsächlich … nach etlichen vergeblichen Versuchen gelingt Susanne von ihrem Sohn ein sehr seltenes Foto vom „keel walking“ zu schießen.

aa7779c0-1de8-4766-b9dd-d85dfe06a8ef

Diese Schilderung unserer Up and Downs der letzten Wochen entsteht im alten Stadthafen von Olbia. Hier liegen wir seit einigen Tagen sogar kostenlos längseits an der Pier des alten Fährhafens und genießen nach Wochen des Nomadenlebens am Anker das „ein Schritt Leben“. Ein Schritt an Land, 150 weitere Schritte und wir sind mitten im Leben. Eine lange interessante Fußgängerzone mit vielen Geschäften, Restaurants und Bars verführt zum Landgang. Unter lautem „ TucTuc“ fahren wir mit unseren Besuchern Astrid und Thomas mit zwei Ape Taxen durch die Altstadt – ein typisch italienisches Ereignis und finden sehr bald auch unsere Lieblingseisdiele.

Die Sonne scheint und liefert den Strom für die fehlende Elektrik an der Pier, Mistral Attacken erhöhen die Drehzahlen unseres Windgenerators und mit 1400 Litern Frischwasser können wir ca. 2.5 Wochen normal leben. Hier warten wir auf ein günstiges Wetterfenster, denn die Häufigkeit und Stärke des Mistrals nimmt in der Nachsaison schlagartig zu. Eigentlich wollten wir schon Anfang Oktober auf den Balearen sein. Wir rechnen für die Überfahrt ca. 48 Stunden und haben somit mal wieder eine längere Strecke im freien Seeraum vor uns. Dabei sind wir froh, dass unser Schiff mittlerweile so ausgerüstet ist, dass wir über Kurzwelle auch außerhalb des wlan Bereichs Wetterinformationen einholen können und somit besser vor bösen Überraschungen geschützt sind.

Die nächsten Tage werden wir im nahen Supermarkt reichlich Proviant bunkern, die zur Wartung fälligen Feuerlöscher abholen, die Sicherheitsleinen an Deck spannen, Wetterberichte einholen und unsere neu eingebaute Windmessanlage testen, denn zurzeit scheint sich am kommenden Wochenende ein passendes Wetterfenster zu öffnen.

Auf hoher See werden wir wohl am Sonntag nach langer Zeit die italienische gegen die spanische Flagge tauschen …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s