Auf Umwegen zur Trauminsel…

Viertgrößte Insel im Mittelmeer, Französisch als Landessprache, ein Gebirge im Meer mit 70 Zweitausendern – höchster Berg 2700m, im Westen steil und schroff, im Osten flach, die Ostküste ein einziger nicht endender Sandstrand, viel Land kaum Stadt, im Landesinneren nahezu bevölkerungsfrei, unberührte Natur mit einem Netz von Wanderwegen von knapp 2000 km …

… Korsika, die Insel mit hohem Suchtfaktor, in die man sich sehr schnell verliebt und viele haben es nicht mehr geschafft sie zu verlassen!

Elba im Rücken segeln wir tatsächlich zum ersten Mal in französische Gewässer. Die Tricolore und darunter der schwarze Kopf mit weißer Stirnbinde – die Flagge der Corsen – wehen unter der Steuerbord Saling und wir haben ca. 35 sm  (65 km) ruhiges Segeln vor uns. Die Stimmung im Cockpit steigt, korsische Musik ertönt aus unseren Lautsprechern, da entwickeln sich am Himmel echte „Stimmungsdämpfer“. Riesige Wolkengebirge ziehen sich sehr schnell bedrohlich zusammen – genau auf unserer Kurslinie droht uns ein schweres Gewitter. Handys, IPad und Laptop verschwinden in einer Blechdose im Backofen. Ein „Opferhandy“ zur Beobachtung der Zugrichtung des Gewitters bleibt im Cockpit. Beim Thema Blitzschutz auf See gibt es unter Fahrtenseglern die abenteuerlichsten Tipps, wir klammern uns an die Hoffnungstheorie vom Faradayschen Käfig im Backofen und blicken voller Sorge auf unsere drei Antennen in fast 20 m Höhe. Als wir unter der schwarzen Gewitterwand eine sich bildende Wasserhose mit dem typischen senkrechten Rüssel beobachten, sinkt die Laune auf ein sehr tiefes Niveau. Wenn uns dieser Rüssel erwischen sollte, würde das Deck „leergefegt“ werden! Schnellstens die Segel runter und die Maschine an! Kaum getan, beginnt auch schon ein ohrenbetäubendes Geheule im Mast. Der Rüssel wird kräftiger und wir verlassen schnellstens unsere Kurslinie und steuern fast 90 Grad weg von unserem Ziel auf Korsika.

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Nach bangen 30 Minuten wird uns klar, die Entscheidung war richtig. Als wir abends zum ersten Mal vor Korsikas Küste den Anker fallen lassen und die Anspannung der letzten Stunden abfällt, müssen wir doch beide grinsen als wir unsere zurückgelegte Kurslinie auf dem Plotter verfolgen. Eins können wir versprechen – es war kein Alkohol im Spiel.

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Das Ankerbier schmeckt – wir liegen in der Abendsonne vor einer malerischen Kulisse der Bergwelt und freuen uns auf neue Abenteuer längs der korsischen Küste.

Am nächsten Morgen beginnt die Umrundung des korsischen Zeigefingers, ein max. 15 km breites und 40 km langes  „Gebirge“ im Meer. Auf der Suche nach dem nächtlichen Ankerplatz fällt der Blick durchs Fernglas auf einen kleinen Hafen, der nicht gerade zu den Hotspots der Seglergemeinde zählen soll und in der Tat wirkt der Blick auf kleine graue Häuser nicht gerade verlockend. Der erste Segeltag geht langsam zu Ende und so ankern wir dennoch hinter einer Felsformation in der Nähe des Hafens. Ankerball gesetzt, Cockpit aufgeräumt, die Navigationselektronik runtergefahren und das Dinghi zu Wasser. Wir passieren die Hafenmole und können es nicht fassen. Mit tuckerndem Außenborder tauchen wir plötzlich in eine Idylle  – ein Fischerdorf wie aus einem Bilderbuch. Eine freundliche Hafenmeisterin findet für unser Dingi einen Platz zwischen den farbenfrohen Fischerbooten direkt unter einem Fischrestaurant und es dauert nicht lang da glänzen zwei frisch gezapfte „Biera Corsa“ mit dem Namen „Pietra“ in der Abendsonne. Dieses Bier verwendet seit 1994 neben dem Malz Kastanienmehl als Zusatz und ist bei stark steigendem Umsatz weltbekannt geworden. Die Idee von einem Herrn Sialelli, dem früheren France Telecom Manager, der daraufhin seinen Job an den Nagel hängte, soll ihm bei einer sommerlichen Siesta unter einem Kastanienbaum gekommen sein! Als wir bei anschließendem Livekonzert vor einem alten Kellergewölbe auch noch drei nette Französinnen kennenlernen, die uns für den nächsten Morgen in eine uralte Fischerkate ihres Großvaters zum Kaffee einladen, verlieben wir uns immer mehr in dieses kleine verwunschene Paradies fernab von jeglichem Massentourismus. Bei türkisfarbenem Wasser liegen wir hier mehrere Tage und der Abschied fällt schwer, nichtahnend, dass wir in fast vier Wochen nochmals im gleichen Fischrestaurant einen herrlichen Abend verbringen werden.

Wasserschildkröten, seltene unter Artenschutz stehende Vögel, ein Flussdelta mit herrlicher Vegetation gleich hinter einem Wildstrand in der Nähe der kleinen Stadt Galeria …. Durch mehrere begeisterte Berichte der Seglergemeinde angelockt, liegt SOLUNA wenige Tage später vor diesem Strand.

Kurz darauf kaufen wir für 12 Euro zwei Karten für ein 2 Personen Kanu um das Delta zu erkunden. Nach einer Einweisung von hoch motivierten Naturschützern im Flüsterton besteigen wir das leicht wacklige Kanu und gleiten sehr bald im Schritttempo in eine Oase der Stille.

Froschquaken, Zirpsen, Vogelzwitschern und das Plätschern der Wasserschildkröten – wir genießen jede Minute und fahren auf vorgeschriebenen Routen in den einzelnen Kanälen.

Und wieder einmal wirft, wie schon des Öfteren, unser „Lieblingswind“ alle weiteren Planungen durcheinander und wir suchen uns, da besonders die Westküste von Korsika dem heftigen Mistralwind ausgesetzt ist, eine feste „Unterkunft“ diesmal an einer Mooringboje direkt vor dem Hafen von Calvi. Preisverhandlungen mit einem neben uns fahrenden Schlauchboot enden mit abenteuerlichem Sprachenmix bei 50 Euro die Nacht. Obwohl der Mooringboy die Schiffslänge und unser Gewicht offensichtlich verstanden hat, vertäut er SOLUNA an einer unserer Meinung nach viel zu schwachen Boje mit der Bemerkung die anderen Bojen seien bereits alle vorreserviert. Unsere Boje ist unter Wasser mit einer 8 mm starken Kette an einen Betonklotz angeschäkelt – unsere eigene Ankerkette ist 13 mm stark – ein komisches Bauchgefühl bleibt! Das Bild der „eingeparkten Schiffe“ erinnert irgendwie an einen überfüllten Parkplatz. Drei Tage und Nächte können wir nicht von Bord, der Sturm heult in den Wanten und zerrt an den gestressten Bugklampen.

Endlich, der Sturm hat sich ausgetobt, wir schmeißen die Leinen an der Boje los und ankern jetzt wieder kostenlos in der großen Bucht von Calvi vor der Festungsanlage einer herrlichen Stadt. Schnell sind die letzten Sturmtage vergessen und so schlendern wir schon bald entspannt durch ein mittelalterliches Gewirr von lebhaften Gassen – es herrscht schließlich Hochsaison auf Korsika. Calvi gefällt uns sehr und wir werden mit unbeschwerten Tagen belohnt.

L´Ile-Rousse, die Stadt mit dem mildesten Winterklima und den heißesten Sommertagen der Insel verdankt ihren Namen der ockerroten vorgelagerten Halbinsel, deren Farbe sich bei Sonnenuntergang in blutrotes Gestein verwandelt. Auch wir begeben uns gegen Abend auf den Wanderweg Richtung Leuchtturm und sitzen schließlich in internationaler Gesellschaft auf dem höchsten Punkt inmitten wild zerklüfteter Gesteinsformationen.

Schlimme Schleifgeräusche, ein Blubbern und unser Außenborder wird heiß, der Kühlwasserstrahl bricht zusammen. Mit sprühähnlichem Kühlwasser erreichen wir gerade noch einen Steg und sind ratlos… In Saint-Florent – die Franzosen nennen diesen Ort ihr zweites Saint-Tropez – wollen wir Susannes Sohn Johannes für ein paar Tage an Bord aufnehmen. Dazu ankern wir vorher schon einige Zeit in der Bucht vor diesem beliebten Ort und sind auch hier wieder einmal begeistert von der südländischen Lebensweise, die sich besonders nachts bei Livemusik mit fröhlich tanzenden Menschen vom Enkel bis zur Großmutter zeigt.

Am nächsten Morgen haben wir noch viel Zeit und beschließen bei strahlendem Wetter unsere erste Dinghi Tour auf dem Fluss Aliso zu wagen. Bisher erwies sich glücklicherweise unser im letzten Jahr vor Italiens „Stiefelküste“ mit viel Nervenstress gekaufter Yamaha Außenborder als sehr zuverlässig und entwickelt sich langsam zu unserem neuen „Hoffnungsträger“. Umso mehr ärgern wir uns über uns selbst , als die romantische Flussfahrt sich plötzlich zu einem Drama entwickelt. Wir tuckern gemächlich flussaufwärts, das Flussbett ist breit und das Wasser braun. Martins Bemerkung, das müssten wir öfters mal machen, wird von Susannes Schrei – wir sitzen fest – jäh unterbrochen. Wir schrammen über Steine, Schlamm und Sand …. völlig verschätzt – wir haben mal wieder dazugelernt! Wir kommen mit Leerlaufgas dann mit unserem Besuch, der leider etwas auf uns warten musste, doch noch irgendwie an Bord und dort gelingt uns glücklicherweise die Reinigung der Kühlwasserkanäle. Motor springt wieder an und wir werden mit einem Vollstrahl des Kühlwassers belohnt.

In den nächsten Tagen umrunden wir nochmals den Finger Korsikas in anderer Richtung, ankern vor einem, in keinem Handbuch beschriebenen kleinen Fischerhafen und setzen anschließend Erbalunga gedanklich auf unsere „wir kommen wieder Liste“.

Der Abschied von Johannes und Korsika rückt näher, sein Flieger ist ab Bastia gebucht und so zieht an einem Montagmorgen Susanne vor dem alten Hafen von Bastia mit SOLUNA ihre Kreise, während der Besuch mit Dinghi im Hafen an der Pier abgesetzt wird. Ein letztes Winken von Land …. das Dinghi wird auf See an Bord in den Davits seeklar verzurrt, SOLUNA dreht und die nächste Insel erscheint im Fernglas!

3 Antworten auf “Auf Umwegen zur Trauminsel…”

  1. Korsika ist eine wunderschöne wild romantische Insel mit vielen kleinen idyllisch gelegenen Buchten, versteckten Fischerhäfen und urigen Tavernen. Dort bekommt man sehr schmackhafte ortstypische Speisen im Ambiente der Einheimischen, das macht es so einmalig und unvergessen. Die Korsen lieben „Ihre“ Insel und kämpfen für Ihre Unabhängigkeit. Das führte uns mal zu einer unheimlichen Begegnung mit Korsen, denen wir bei einer Wanderung im Inland in zerschlissener Kleidung und geschulterten Gewehren begegnet sind. Ein mulmiges Gefühl saß tief im Magen und wir machten einen weiten Bogen. Später erfuhren wir, daß es Einheimische auf Amseljagd waren. Ich weiß nicht, ob es heute immer noch in dem Umfang praktiziert wird, uns taten nur die Vögel leid, die in großen Schaaren über die Insel flogen.
    Besucht mal die Pferdeinsel im Südosten der Insel (Ile de Cavallo), ein krasser Gegensatz. Man glaubt, man ist auf den Seychellen!
    Ganz liebe Grüße
    Sabine & Lutz

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