Katzensiesta im Straßencafé…

Ruhe, Ruhe, Ruhe … sie ist plötzlich vorbei, als wir bei unserer mehrmals täglichen Analyse der Großwetterlage feststellen – es ist mal wieder soweit. Ein neuer großer „Mistralangriff“ steht bevor und auf unserem Kurs Richtung Elba werden wir bereits einen stürmischen Vorboten in Richtung Norden im Kielwasser haben. Da der Mistral mit seiner Heftigkeit zu den gefährlichsten Winden der Erde zählt, fällt schnell die Entscheidung. Am nächsten Tag werden wir in der Morgendämmerung den Anker lichten, die kommende Nacht durchsegeln und versuchen schneller als die Zuggeschwindigkeit des Sturms zu sein. Es ist schon beruhigend mit heutigen Wetterinformationen ständig unseren Vorsprung überwachen zu können.

Nachtfahrt bedeutet für uns noch immer ein ganz besonderes Erlebnis, zumal man in Küstennähe mit unbeleuchteten Fischerbojen sehr aufpassen muss. Die Nacht verläuft abwechslungsreich, Segel setzen, Segel bergen, Motor an, Motor aus und Diskussionen am UKW-Funk mit widerspenstigen Fähren.

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In den Morgenstunden nimmt der Wind stark zu, wir reffen (verkleinern) die Segel und bald kommt an Backbord die Insel Giglio in Sicht. Weltweite traurige Berühmtheit erlangte die Insel in den Abendstunden des 13. Januars 2012 als durch eine Leichtsinnigkeit des Kapitäns Schettino die „Costa Concordia“ mit ca. 3200 Passagieren auf einen Felsen lief und dort nach einer 180° Wende glücklicherweise an einem Felsvorsprung hängen blieb und nicht in die Tiefe der See rutschte. 32 Menschen verloren ihr Leben und der Kapitän wurde 2017 zu 16 Jahren Haft verurteilt. Uns läuft es kalt über den Rücken als wir im Morgengrauen und bei hohen Wellen ganz deutlich den Felsen sehen, auf dem das Schiff bis zum Abtransport zur Abwrackwerft nach Genua lag. Die gesamte Bergung und das Abwracken kosteten insgesamt rund 1,5 Milliarden Euro und war damit dreimal so teuer wie die ursprünglichen Anschaffungskosten des Schiffes.

Elba mit seiner 148 km langen Küstenlinie ist ein Hotspot der Segler im Mittelmeer. Zwar gibt es auf der Insel in nur vier Häfen für größere Schiffe wenige und teure Liegeplätze, dafür große Sandbuchten mit idealen Ankerplätzen im Norden und Süden.

In dem Ort mit dem vielversprechenden Namen Porto Azzurro betreten wir zum ersten Mal Elba. Porto Azzurro hieß früher Portolongone und war eigentlich nur durch das Gefängnis in der Festung San Giacomo bekannt und berüchtigt. Heute sitzen hier noch ca. 250 Häftlinge teilweise lebenslang ein. Um aber die Touristen anzulocken wurde der Ort kurzerhand umbenannt und auch uns lockt der schöne Name. Seitdem erfreut sich der „blaue Hafen“ immer größerer Beliebtheit und hat dennoch seinen eigenen Charme bewahrt, wo selbst die Katzen ihre Siesta im Straßencafé genießen.

Cotone ist der alte und malerische Ortsteil der Fischerfamilien von Marciana Marina. Von hier aus erstreckt sich eine bunte Felsenlandschaft, die in der Abendsonne fast schon in Regenbogenfarben leuchtet. Wir bleiben hier eine Woche, denn wir haben direkt unter dieser Altstadtkulisse einen Ankerplatz gefunden. Mit dem Dinghi fahren wir wie selbstverständlich mitten in den gut ausgebauten Hafen und legen direkt am Yachtclub an einem kleinen Steg an. Wir grüßen den Hafenmeister und tatsächlich – er grüßt mit einem „buon giorno“ freundlich zurück. Der Dorfplatz, die Piazza Emanuele, ist abends der Treffpunkt der italienischen Großfamilien, die angestrahlte Kirche ruht majestätisch mitten im Getümmel.

Da wir gerade eine ruhige Wetterphase haben und der Anker im Sand gut hält, unternehmen wir Busfahrten ins Landesinnere, denn ein gut ausgebautes Busnetz überzieht die Insel. Bei lautem Gehupe und oft genialen Ausweichmanövern direkt am Abgrund lernen wir die Schönheit der Insel kennen.

Mit 1019 m Höhe ist der Monte Capanne Elbas höchster Berg. Bei günstigen Witterungsbedingungen kann man die einmalige Aussicht genießen, die über den gesamten toskanischen Archipel bis nach Korsika auf der einen und zum italienischen Festland auf der anderen Seite reicht. Drei Stunden dauert der Aufstieg zu Fuß, wir nehmen bei sommerlicher Hitze die berühmte Seilbahn „Cabinovia“ und erreichen in schaukelnden zwei Personen Stehkäfigen schon nach 20 Minuten den Gipfel. Wir haben Glück, denn der Großteil der Wolkendecke liegt eben unter uns und so haben wir bei rund 10 Grad kühleren Temperaturen fast den im Inselführer beschriebenen Rundumblick.

Am nächsten Tage setzen wir uns wieder in den Bus und nehmen uns einen Tag Zeit für Portoferraio. Dort setzte im Jahr 1814 nach seiner Verbannung Napoleon mit rund 600 Gefolgsleuten seinen Fuss auf die Insel und blieb hier nur 10 Monate. Eine MultiMedia Show in der Festungsanlage Forte Falcone vermittelt einen sehr guten Eindruck über sein Wirken und seinen Einfluss auf Elba. Die Kirche del Carmine, die von Napoleon in ein Theater umgewandelt wurde, wurde ursprünglich im Jahr 1618 als Kapelle eines Krankenhauses erbaut. Der Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes machte aus der Kirche die höchste und reichste Kirche der Stadt Portoferraio. Um Geld für die notwendigen Umbauarbeiten zu gewinnen, wurden die 65 Logen des Theaters zum Kauf angeboten und wurden so zu einem Streitpunkt zwischen den „feinen“ Familien der elbanischen Gesellschaft: alle wollten die teuersten Logen kaufen, um so die Bedeutung ihrer Herkunft zu beweisen. Im Januar 1815 wurde mit großem Prunk der erste Ball organisiert.

Nach einem Besuch des alten Festungsturms Area Archelogica della Linguella machen wir noch eine ausgiebige Besichtigungstour über das Fortezze Medicee e Forte Falcone und erleben somit einen sehr abwechslungsreichen Kulturtag bei doch hohen sommerlichen Temperaturen.

2 Antworten auf “Katzensiesta im Straßencafé…”

  1. Elba ist wirklich schön. Ich hatte die Gelegenheit dort meinen ersten Segelschein zu machen und dabei Land- und Seewind kennen und schätzen zu lernen. Weiterhin fairen Wind euch!
    Liebe Grüße / Raimund (SY Gatto)

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