Stromausfall am Ort des Grauens …

Postkartenidylle im Golf von Neapel – wir sind überwältigt, als wir in der Abendsonne die kleine Insel Procida ansteuern. Im Fernglas erkennt man sofort den Charme dieser eigenwilligen Insel, die fernab vom Massentourismus ihr ganz eigenes Gesicht bewahrt hat. Hier lebt man noch heute vom traditionellen Fischfang, man lebt beschaulich und ohne jegliche Hektik. Der Ort mit seinen kleinen rechteckigen Flachdachhäusern, in allen Farben leuchtend, zieht sich in engen Gassen bis zum Kastell hinauf und wirkt dadurch fast orientalisch.

Unten an der romantischen Hafenpromenade wurden einige Szenen des Spielfilms „Il Postino“ gedreht und noch heute steht das Fahrrad wie eben abgestellt an der Hauswand und die Posttasche hängt am Tresen. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. An diesem Ort starb auch tragischerweise der Hauptdarsteller „Massimo Troisi“ nur einen Tag nach Ende das Drehs an einem Herzinfarkt.

Der Großteil des Films wurde jedoch auf einer der Liparischen Inseln gedreht, wo wir letztes Jahr auch schon die Drehorte besucht hatten.

Wenige Seemeilen westlich von Procida liegt die bekannte Urlaubsinsel Ischia. Unter dem Wahrzeichen der Insel, dem „Castello Aragonese“, einem 113 m hohen aus erstarrter Lava entstandenen Felsen, liegt SOLUNA in internationaler Gesellschaft. Bei der Besichtigung des 56.000 m² großen Kastellareals, heutzutage gelangt man mit einem eingebauten Fahrstuhl schnell in die oberen Bereiche, bieten sich uns völlige Kontraste.

Mediterrane Gärten, die Ruine einer Kathedrale, Museen und unter einer der vielen Kirchen ein Nonnenfriedhof…völlig geschockt lesen wir in unserem Ischia-Führer, was sich dort im 16. Jahrhundert für uns Unvorstellbares ereignete. Nach dem Tod einer Nonne wurde diese auf einem Steinstuhl mit einem Loch in Hockstellung festgebunden. Durch das Loch flossen die Verwesungssekrete, während der Körper langsam mumifizierte. Die lebenden Nonnen waren verpflichtet, täglich diesen Ort des Grauens mit unvorstellbaren Gerüchen aufzusuchen und bei Kerzenschein über die Vergänglichkeit des irdischen Daseins zu meditieren.

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Auch wir gehen diesen schwachbeleuchteten engen Tunnel nach unten, sehen auch noch einige Nischen mit den „Stühlen“ und plötzlich, stockdunkel – Stromausfall. Blitzschnell zücken wir die Handylampen und wollen nur noch raus aus dieser gruseligen feuchten Gruft. Oben blauer Himmel, die Sonne scheint und die Vögel singen – zu was Menschen fähig sind!!! Das im Reiseführer empfohlene Foltermuseum lassen wir aus…

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Ein Schlauchboot mit der Aufschrift „New Port Ventotene“ rast auf uns zu und mit einem Mix aus englisch und spanisch will man uns für 120 € pro Nacht in den neuen Hafen der kleinen Insel Ventotene locken. Nichts für unsere Bordkasse und so braust der Marinero halb beleidigt davon. Im Fernglas müssen wir jedoch bald erkennen, dass Ankern fast unmöglich sein wird, da die einzig mögliche Ankerbucht komplett mit Bojen abgesperrt ist. Ein Blick in unseren Hafenführer lässt uns sehr nachdenklich werden. Die einzige Alternative ist ein winziger alter römischer Galeerenhafen, der hier damals aus dem Tuffstein geschlagen wurde. Maximale Schiffslänge 14 m und Tiefgang 1-3 m. Nichts für uns! Durch unseren Überhang mit Dingi und Solarpaneelen kommen wir auf fast 17 m Länge über Alles. Ratlosigkeit, sollen wir Ventotene auslassen und weitersegeln? Die Entscheidung kommt mit einem neuen Schlauchboot herangebraust. „Porto Veccio“, der alte Galeerenhafen. 120 € pro Nacht – der Zeigefinger wäre fast Richtung Stirn gegangen, als er sich plötzlich verhandlungsbereit zeigt. Bei 80 € werden wir schwach. Wir machen ihm noch klar, wie lang unser Schiff ist. Er staunt kurz, fühlt sich als Marinero jedoch beim Ehrgeiz gepackt und will uns nun unbedingt in seinen Hafen eskortieren. Wir sehen uns an und nach dem Motto „no risk – no fun“ willigen wir ein. Der winzige Hafen kommt in Sicht und wir sollen nun ganz genau im Kielwasser des Schlauchbootes fahren! Die Hafeneinfahrt kommt, der Atem stockt, hart steuerbord und nun gibt es kein Zurück mehr. Unter den Blicken staunender Fischer und Segler kleinerer Boote fährt der „Flugzeugträger“ SOLUNA um die Ecke und wird mit Schlepperassistenz vom Schlauchboot in eine Lücke bugsiert.

Ventotene
Törns und Positionen

Wassertiefe unter unserem Kiel noch ca. 20 cm aber wir schwimmen noch. Hochgefühl und Stolz kommt auf, denn wir sind uns sicher, dass dies wohl für immer SOLUNAs kleinster Hafen bleiben wird. Kaum festgemacht tauchen wir in eine italienische Hafenidylle ein und fühlen uns sofort wohl und angekommen.

Zwei Nächte liegen wir hier, erleben dieses herrliche und ruhige Fleckchen Erde, während wir den Gedanken an das Auslaufmanöver verdrängen…

Irgendwie hat es dann mit unserem neugewonnenen Selbstvertrauen doch bestens geklappt, der Abschied fällt mal wieder schwer und bald liegt die kleine Insel achteraus. Wir setzen die Segel Richtung Insel Ponza. Die größte Insel im Pontinischen Archipel mit der Form einer Mondsichel, einer zerklüfteten Küste und einem 280 m hohen Berg, soll eine wahre Schönheit sein. Wir ankern und springen zur Abkühlung sofort ins glasklare Wasser. Das Resultat sind zwei Quallen-Attacken, die noch nach Wochen dunkelrot zu sehen sein werden. Was wir nachmittags beim Ankern nicht eingeplant hatten, rächt sich am nächsten Morgen. Uns wird schnell klar, dass wir auf der „Autobahn“ für Touristenboote „geparkt“ haben. Wellen und Lärm vermiesen uns schnell diesen herrlichen Platz. Zwar fahren wir mit dem Dingi noch in den Hafen von Ponza – es ist Freitagnachmittag, der „Ameisenhaufen“ von Touristen, Hektik und Lärm verkürzt jedoch unseren Landaufenthalt der bestimmt zauberhaften Insel. Wir steigen vorzeitig ins Dingi und beschließen diesen Ort nur noch in der Vor- oder Nachsaison zu besuchen.

Die nächste Insel soll für uns eine echte Trauminsel – unsere „Robinson Crusoe“ Insel werden. Die westlichste Insel der Inselgruppe mit dem schönen Namen „Isola di Pamerola“ ist entlang der gesamten Küste von Über- und Unterwasserfelsen gesäumt. Die Navigation sollte laut Beschreibung „sehr vorsichtig erfolgen“ und es wird dringend angeraten, hier nur tagsüber zu ankern. Die See ist ruhig, der nächste „Mistral-Angriff“ scheint noch nicht geplant zu sein und so lassen wir den Anker vor einer riesigen Felswand mit kleiner Kiesbucht ins türkisfarbene Wasser rauschen.

Die kommende Nacht wird uns als die Schönste in unserem bisherigen Seenomadenleben für immer in Erinnerung bleiben. Dieses Glücksgefühl, als die Sonne glutrot neben einem großen nadelförmigen Felsen im Meer versinkt und wir uns dabei klarmachen, dass wir diese Nacht völlig allein in einem paradiesischen Umfeld verbringen werden, kann man nicht in Worte fassen.  Rotwein, Oliven, Käse, Baguette, Petroleumlampe und zwei Stühle stehen auf dem Vorschiff und im Schein der Öllampe wirkt die Szenerie fast unheimlich. Die Felswand neben unserem Schiff wird plötzlich angestrahlt – wir drehen uns um und ein riesiger Vollmond erscheint am sternklaren Himmel über dem in der Ferne sichtbaren Leuchtfeuer von Ponza. Diese Momente sind also der Lohn für Einsatz, Wagnis, Fleiß und Kosten unseres neuen Lebens …

Mit dem neu erwachten Vertrauen in unseren Yamaha Außenborder (das Yamaha-Drama-Jahr 2018 wurde ja bereits ausführlich beschrieben) schaffen wir es tatsächlich am nächsten Morgen die gesamte Insel in einer siebenstündigen Expedition mit dem Dingi zu umrunden. Bei einem Tiefgang des Beiboots von ca. 40 cm können wir teilweise ganz nahe an die Felswände und Schluchten heranfahren und entdecken dabei eine kleine Bucht mit bewohnten Steinhöhlen und einer kleinen Strandbar mit Karibikfeeling.

Wir verbringen in unserer Bucht fast eine Woche – Hose nähen, Schnorcheln, Babbel-Spanisch, Lesen, erste kleine Angelerfolge und Ruhe, Ruhe, Ruhe …

 

😉 Wenn Dir unsere Beiträge gefallen, würde sich SOLUNA über jeden auch noch so kleinen Beitrag für unsere „redaktionelle Arbeit“ freuen.

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2 Antworten auf “Stromausfall am Ort des Grauens …”

  1. Hallo Ihr Abenteurer,
    Eure Geschichten sind nach wie vor spannend und sehr unterhaltend. Es macht Spaß sie zu lesen und sie mitzuerleben. Bitte macht so weiter.
    Bis bald.
    Harald

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