Aufbruch mit Abbruch…

Das abendliche Schauspiel im Cockpit bei Petroleumlampe und Rotwein endet – der Wetterbericht gibt grünes Licht für die große Überfahrt und so hieven wir an einem Montag gegen Mittag den Anker und verlassen unsere Ankunfts-, nun unsere Abschiedsbucht.

Vier Stunden hohe Dünung mit zunehmender Windsee und steigende Windstärken, das Ganze auch noch direkt von der Seite – wieder einmal ein Wetterbericht, der völlig daneben liegt. Wie wird die kommende Nacht, ist es vielleicht doch besser umzudrehen und bei besserem Wetter einen erneuten Versuch zu wagen? Oft werden wir gefragt, wie bei uns an Bord eine größere Entscheidung gefällt wird. Es wird immer nach der vorsichtigeren Variante entschieden. Diesmal entscheiden wir uns gemeinsam dem Wettergott nachzugeben. Noch können wir vor Einbruch der Nacht umdrehen – wir wenden und steuern beim letzten Tageslicht die Bucht von Sidari an, um einen geschützten Ankerplatz zu finden. Der letzte Landgang in Griechenland entwickelt sich zum Reinfall, der Ort gefällt uns gar nicht.

Am nächsten Morgen nehmen die Wellen ab und wir brechen erneut auf. Diesmal halten wir durch und segeln in einem Stück drei Tage und zwei Nächte Richtung Straße von Messina. Tagsüber herrlicher kräftiger Segelwind bei blauem Himmel, nachts meist schwachwindig und unsere Yanmar-Maschine ersetzt die Segel.

IMG_7002

Erstmalig navigieren wir nachts mit Radar, um den verschiedenen Gewitterzellen auszuweichen – und das erfolgreich!

Am Eingang zum „großen Trichter“, der 26 km lang und an seiner schmalsten Stelle 3 km breit ist, nimmt der Schiffsverkehr schlagartig zu. Es ist 2 Uhr morgens, stockdunkel – nur der Schein der Leuchtfeuer und Positionslampen unserer „Gegner“ – wir beide sind bei hohem Adrenalinspiegel hell wach. Auf nördlichen Kursen nimmt das Rollen des Schiffes zu und wir entscheiden uns zur Stabilisierung Yanmar gegen Genua (unser größtes Vorsegel) zu tauschen. Im Schein der Decksbeleuchtung sind solche Manöver inzwischen für uns kein Problem mehr. Das Segelvergnügen ist leider von kurzer Dauer. Der Wind heult in den Wanten und riesige dunkle Wellenberge rollen von achtern heran…uns wird mulmig…bereits nach 10 Minuten heißt es – Segel ein – Motor an. Bei 30 Knoten Wind und sehr kurzer hoher achterlicher Welle ist unsere Automatiksteuerung überfordert und so müssen wir von Hand steuern. 25 Tonnen kommen ins surfen, der kleinste Fehler am Steuer und wir würden quer zur Welle schlagen. Im Schein der Hecklampe schieben sich bedrohliche Wellenberge von hinten heran, heben das Heck des Schiffes und laufen brechend unter uns durch. Ein unbeschreibliches Gefühl am Steuerrad – mit hohem Lerneffekt!

Dazu sehen wir im Morgengrauen auch noch im Wasser treibende Baumstämme und Unrat jeglicher Art, offensichtlich die „Beute“ des Medicanes der letzten drei Wochen. Fährverkehr und Strom nehmen zu. Einer steuert und der andere überwacht die kreuzenden Fähren. Alles passt, nur eine Fähre an der engsten Stelle liegt auf Kollisionskurs zu uns. Es hilft nichts, wir müssen trotz hoher Wellen einen Vollkreis fahren. SOLUNA holt kräftig über und unter Deck poltert und scheppert es gewaltig, aber wir haben es geschafft. Entspannung macht sich breit, der kreuzende Fährverkehr liegt hinter uns.

Am nördlichen Ausgang der Straße von Messina müssen wir noch heftige Strudel passieren, bevor wir vor dem romantischen Fischerdorf Scilla als einzige Yacht direkt vor der Altstadt den Anker fallen lassen.

261 sm in 51 Stunden – die längste Seestrecke unserer Reise.

Drei herrliche Tage mit nächtlichen Landgängen, italienischer Küche und gutem Wein enden wieder einmal ungewollt.

Die ersten Herbststürme im Mittelmeer kündigen sich an und so beschließen wir spontan eine Woche früher als geplant unseren „Winterhafen“, den wir ab 1. November bereits gebucht hatten, anzulaufen. Ein letzter nächtlicher Ankerstopp direkt im Schutz des Kap Milazzo und wir kreuzen noch einmal gegen einen leichten Wind Richtung Capo d‘Orlando. Wehmut kommt auf, SOLUNA bleibt zwar im Wasser, wir werden hier auch weiterhin an Bord wohnen und doch geht ein herrlicher Segelsommer zu Ende…

B-18, so lautet unsere Hausnummer in http://www.capodorlandomarina.it für die nächsten sechs Monate. SOLUNA wird vertäut, der Anker fest an Deck verschraubt und ein völlig anderes Leben im Hafen auf Sizilien beginnt!

3 Antworten auf “Aufbruch mit Abbruch…”

  1. Freut uns zu hören, nachdem selbst in Österreich die Jollen der Segelschule am Mondsee gelitten haben.
    In Hamburg ist alles friedlich, bunter Herbst wie immer. Aber auf der Alster auch fast zu kalt zum Rudern
    Herzliche Grüße
    Sebastian & Co

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s